FC Torino – AC Monza 3:2

Stadio Olimpico Grande Torino, 19.096 Zuschauer

Die kleine Tour durch Norditalien beginnt gleich einmal mit einem Missgeschick: Beim ersten Stadtrundgang nach der Ankunft fallen mir verdächtig viele Menschen mit Schals um den Hals auf. Und tatsächlich! Juventus hätte sein Heimspiel in der Europa League an diesem Donnerstag gehabt – und ich hatte das nicht auf dem Schirm. Wer hätte auch ahnen können, dass sich die Alte Dame mal mit der europäischen B-Liga zufriedengeben muss. Tickets gibt es jedenfalls nur mehr zu Preisen, die ich nicht zu zahlen bereit bin. Es bleibt beim Plan, die Reise mit den Granatroten von FC Torino zu starten.

Turin war ab 1861 für vier Jahre Hauptstadt des vereinigten Italiens und davor knapp vierhundert Jahre lang jene von Savoyen bzw. dem Königreich Sardinien. Die majestätische Vergangenheit sieht man der Stadt mit rund 860.000 Einwohner:innen bis heute an. Im Zentrum wirkt alles größer als zwingend notwendig wäre. Prägend ist die bis heute aufrechterhaltene römische Stadtstruktur mit schachbrettartig angeordnetem Straßenmuster und schnurgeraden Hauptachsen. Über weite Strecken läuft man durch Arkaden mit einer vielfältigen Lokal- und Geschäftsszenerie, rund um den königlichen Palast finden sich auch noch einige verwinkelte Gässchen.

Der Foot Ball Club Torino lebt eher von seiner Vergangenheit als von seiner Gegenwart: 1906 nach einer bereits 1900 stattgefundenen Fusion offiziell aus der Taufe gehoben, fungierte der von Juventus übergelaufene Präsident Alfredo Dick als erster Vizepräsident. Die erste Meisterschaft wurde wegen des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs aberkannt, die zweite 1926/27, weil ein Spieler vor dem Derby nachweislich bestochen worden war. Erst in der Folgesaison wurde mit dem ersten Scudetto dann tatsächlich angeschrieben.

Legendären Status erlangte der Verein wegen seiner erfolgreichsten Zeit zwischen 1942 und 1949, als mit Grande Torino eine der angeblich besten Mannschaften aller Zeiten in der Serie A auf dem Rasen herumwirbelte. Nur unterbrochen vom zweiten Weltkrieg errang das Team fünf Meisterschaften, die letzte am bereits fünftletzten Spieltag der Saison.

Zur Belohnung reiste der Verein nach Lissabon und spielte ein Freundschaftsspiel gegen Benfica, der Rückflug am 4. Mai 1949 wurde allerdings zur Katastrophe: Im dichten Nebel krachte das Flugzeug bei der Landung in den Hügel Superga, auf dem eine berühmte Wallfahrtskirche der Stadt steht. Alle Insassen starben, darunter bis auf eines alle Mitglieder der Erfolgsmannschaft. Aufgrund der daraufhin einsetzenden großen internationalen Solidaritätswelle bestehen bis heute Freundschaften zu Klubs aus diversen Ländern, neben Benfica unter anderem auch zu River Plate aus Buenos Aires.

Seit dem Unglück konnte lediglich 1975/76 noch einmal die italienische Meisterschaft gewonnen werden, der Verein musste zwischenzeitlich auch immer wieder den Gang in die Zweitklassigkeit antreten. 2005 folgte sogar die Insolvenz und Zwangsversetzung in die Serie B. Seit 2024 ist Red Bull strategischer Partner von „Il Toro“, dem Stier aus Turin.

Seine heutige Spielstätte nutzte der FC erstmals Ende der 1950er-Jahre. Errichtet wurde sie 1933 unter dem Namen Stadio Municipale Benito Mussolini. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses zunächst in Stadio Comunale umbenannt und zuerst vom großen Rivalen Juve, dann eben auch von den Granatroten bespielt. Für die Olympischen Spiele 2006 wurde das Stadion generalsaniert und vorerst wieder von beiden Turiner Vereinen genutzt, die zwischenzeitlich ins Stadio delle Alpi abgewandert waren. Seit 2011/12 spielt der FC als einziger Verein im für knapp 27.000 Menschen ausgelegten Bau.

Dass die Stimmung von okay auf wirklich großartig umschlägt, liegt an den beiden völlig unterschiedlichen Spielhälften. Zwar können die Gastgeber schon in den ersten 45 Minuten in Führung gehen, das Match ist aber eher lau. Das ändert sich komplett mit Wiederanpfiff, mit dem Monza quasi der Ausgleich gelingt. Statt aufzustecken drehen nun die Granatroten aber erst richtig auf und spielen sich fast in einen Rausch. Dem erneuten Führungstreffer folgt auf den Fuß das 3:1. Und auch danach hätte Torino noch mehrere Hochprozentige gehabt. Stattdessen fällt noch ein Stümpertor für Monza. Es kommt aber zu spät, um dem Spiel noch eine Wende zu geben.

Kommentar verfassen