Widzew Lodz – Polonia Warszawa 3:2

Stadion Widzewa, 4.500 Zuschauer

Aus dem wunderschönen Krakau kommend, erleb ich so etwas wie einen Kulturschock: Lodz ist die bei Weitem abgefuckteste Stadt, die mir bisher in Polen untergekommen ist. Einst als Textilmetropole zu Reichtum gekommen, ist heute nicht mehr viel zu sehen, auch wenn die Filmindustrie der Stadt (das nennt sich dann Hollylodz – kein Scherz!) wieder einen Boom verschafft haben soll bzw. hat. Die Fahrt mit dem Zug von Widzew, dem namensgebenden Stadteil des Klubs, nach Kaliska, so etwas wie dem Hauptbahnhof, dauert 20 Minuten, was den – falschen – Eindruck erweckt, dass ich in einer Riesenmetropole ohne wahrem Zentrum gelandet bin.

Auch die Fahrt per abenteuerlicher Tram zum Stadion Widzewa verheißt wenig hoffnungsträchtigeres: Überall ungemein runtergekommene Häuser, nur aufgelockert von einigen moderneren Einkaufszentren. Die „Arena“ selbst ist noch älteren Baujahres und typische Marke Ostblock, soll allerdings schon bald durch ein moderneres Stadion ersetzt werden. Auffällig vor allem die riesigen Flutlichmasten, die das Stadion umgeben.

Am Ticketschalter versteht man zum Glück Englisch, wodurch ich zuerst an meine Karta Kibica komme und dann an mein Ticket. Bei letzterem ist man allerdings nicht sehr hilfsbereit, wodurch ich bei einer der wohl teuersten Karte des gesamten Stadions um 94 Zloty lande. Darüber bin ich im Endeffekt aber auch durchaus froh, denn die Rahmenbedingungen für dieses Spiel sind eindeutig am unentspanntesten bisher – und der Typ am Ticketschalter hätt mir vorher doch – ohne nachträgliche Intervention meinerseits – beinhart auch eine Karte für den Sektor der Hardcorefans verkauft.

Die Stimmung beim Spiel ist rein auf die rund 4.500 Heimfans – eng befreundet mit Ruch Chorzow – beschränkt, denn der Polonia-Sektor bleibt vollkommen leer. Auch hier ziemlich durchorchestrierte Atmosphäre, die trotz der wenigen Zuschauer durchaus laut wird. Gut sind vor allem die Wechselgesänge zwischen der Hardcore-Tribüne und der zweiten Fantribüne sowie teils auch dem ganzen Stadion.

Die erste Hälfte bietet eher lahmen Fußball, bei dem die Gäste rasch mit 1:0 führen, nach etwa 30. Minuten allerdings den Ausgleich hinnehmen müssen. Die zweite Halbzeit hatt es dafür mehr in sich: Dem 2:1 kurz nach der Pause folgt wenig später ein Elfer zum 3:1, der Anschlusstreffer gelingt den Warschauern zu spät, um das Spiel noch drehen zu können.

Tag 2 des Aufenthalts nutze ich übrigens, um zuerst das Museum der Stadtgeschichte samt revitalisierter Textilmanufaktur, die jetzt im Prinzip ein riesiger Einkaufstempel – wenn auch mit Charme – ist zu besichtigen, um dann wieder den schaurigen Part der Geschichte zu erkunden: das „Litzmannstadt-Ghetto“, in dem über 200.000 Juden, und in einem eigenen Bereich Roma sowie auch verbannte Jugendliche während der NS-Besatzung lebten. Dementsprechend riesig ist das Gebiet, dass sich heute in einem der ärmsten Vierteln der Stadt befindet. Der etwas über 15 Kilometer lange Weg führt vorbei am alten jüdischen Friedhof, dem öffentlichen Exekutionsplatz, diversen Verwaltungs-, Schul- und Polizei- bzw. Foltergebäuden hin zum größten jüdischen Friedhof Europas, wo auch 43.000 Menschen, die während der Zeit des Ghettos gestorben sind, liegen, und endet an der ehemaligen Eisenbahnstation Radegast, von wo die Viehwaggon-Züge Richtung der KZs rollten.

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