Piast Gliwice – Lech Poznan 0:3

Piast-Stadion, 8.200 Zuschauer

Gliwice, sozusagen im polnischen Ruhrpott gelegen, hat gleich mehrere Überraschungen zu bieten. Eine der ältesten Städte Oberschlesiens ist ganz entgegen meinem Erwarten sehr nett. Groß geworden in der Zeit der Industrialisierung verströmt sie zwar den Charme eine Arbeiterstadt, ist aber überhaupt nicht upgefuckt. Auch hier gibt es eine Verbindung zum zweiten Weltkrieg – Polen lässt einen da nicht aus -: Der vorgetäuschte Überfall auf den örtlichen Radiosender war einer von mehreren fingierten Auslösern für den Einmarsch der NS-Truppen in Polen.

Die zweite Überraschung erleb ich dann vor dem Stadion, wo ich mir nämlich eher eine Ostblockschüssel alá Lodz erwartet hatte (Infos dazu waren vorher schwer zu bekommen): Unweit des Stadtzentrums, gleich hinter einem Friedhof, taucht plötzlich ein nigelnagel neues Kleinstsadion auf, dass echt eine sehr nette Erscheinung darstellt.

Auch so von der Atmosphäre vor dem Match ist es hier sehr angenehm. Auf meiner Reise habe ich ja beide Fangruppen schon erlebt, und auch heute liefern sie eine starke Vorstellung ab, auch wenn dieses über 90 Minuten durchchoreographierte nicht so mein Ding ist. In der 15. Minute zeigen die Heimfans eine nette Choreo aus Überrolltüchern und roten Fahnen, Poznan weiß – wie schon daheim – durch Klatsch- und Schalchoreos zu überzeugen.

Bald haben allerdings nur mehr die Gästefans unter den knapp 8.200 Zuschauern zu jubeln, denn der Tabellenzweite der Ekstraklasa ist eindeutig zu stark für Piast. Während die erste Halbzeit trotz 0:1 noch halbwegs ausgeglichen ist, können die Blau-Roten in Hälfte zwei froh sein, nicht noch mehr als zwei weitere Tore kassiert zu haben.

Noch zu erwähnen ist das hier abgehaltene lustige Zuschauer-„Memory“: Gewonnen hat dabei derjenige, der danach noch auf seinem echten Sitz platziert ist. Wie relativ üblich in polnischen Stadien füllen sich die Ränge auch in Gliwice sehr spät (liegt wohl meist am meist strikten Rauchverbot auf den Tribünen). Dadurch sitzen aber einige Fans woanders als auf den Karten vermerkt. Nachdem sich hier viele Zuschauer einbildeten, erst so ab der 20. Minute auftauchen und dann aber auf ihre zugeteilten Plätze bestehen zu müssen, spielt sich vor meinen Augen ein köstliches Schauspiel ab, mit vor allem vier – immer ärgerlicher werdenden – „Heimatlosen“ und einem Security in den Hauptrollen – dafür zahlt man gerne Eintritt!

P.S.: Damit das auch einmal erwähnt sei: Ein halbwegs normales polnisches Fußball-Menü um ungeschlagene 3 Euro 60. Die Wurst schmeckt freilich in jeder Region anders. Eine weiter Empfehlung wäre das Zapiekanka, im Prinzip ein verlängertes Baguette, meist mit geschmolzenem Käse und Schwammerln garniert – traumhaft!

P.P.S.: Nachdem das nun doch mein letztes Match ist, das Cuphalbfinale zwischen Legia Warschau gegen Ruch Chorzow war einfach zu knapp zur Abfahrtszeit des Zuges angesetzt, noch eine letzte Info: Für die Spiele habe ich 3.455 innerpolnische Eisenbahn-Kilometer zurückgelegt (An- und Abreise nach Warschau nicht mitgerechnet) und dabei überwiegend positive Erfahrungen gemacht. Ticketkauf ist easy und meist auf Englisch möglich, Züge halbwegs pünktlich und meist vom Komfort zumindest okay. Einzig die Geschwindigkeit lässt ein bissl zu wünschen über – bei einer Durchschnittsgeschwindigkeit bei unter 100 km/h kann ja jeder berechnen, wie viel Zeit ich ca. in Zügen verbracht hab ;-).

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