Cercle Brugge – KAA Gent 1:4

Jan-Breydel-Stadion, 11.503 Zuschauer

Zumindest zur ersten Station wär locker auch ein anderer Aufhänger gefunden wurden, beide Spiele des Wochenendes verbinden aber ein Wort von Sibylle Lewitscharoff, das in letzter Zeit für nicht grad wenig Aufregung gesorgt hat, wohl noch besser. „Halbwesen“ sind sowohl die teils flämischen, teils wallonischen Belgier als auch die Nordfranzosen, denen mit „Willkommen bei den Schti’s“ dahingehend ja ein Denkmal gesetzt wurde. Bei den Belgiern sind zudem auch die Ernährungsgewohnheiten doch etwas gewöhnungsbedürftig…

Brügge jedenfalls ist es allemal wert, gerade hier von einem Auftragskiller dem Leben ein Ende gesetzt zu bekommen. Nachdem der Besuch aber mit dem vollkommenen Frühlingsausbruch zusammenfällt, beschränkt sich das Kennenlernen auf das Schlendern durch die historischen Straßen und durch das Bestaunen des teils sehr, sehr genialen Stadtbilds. In den – gar nicht so zahlreichen – Kaffees ist nämlich, zumindest in den Gastgärten, kein Platz für mich. Dies liegt aber vor allem auch daran, dass der Platz in der Innenstadt so knapp bemessen ist, dass meist nur wenige Tische zur Verfügung stehen.

In einer völlig anderen Welt ist das Jan-Breydel-Stadion platziert: Südlich des historischen Stadtkerns benötigt man rund 15 Minuten per Bus (oder 40 Minuten zu Fuß, dazu später) zu der 30.000er-Arena, die sowohl Cercle als auch dem viel bekannteren Club Brugge beheimatet. Von außen merkt man ihm das Alter doch schon an, aber ebenso die Zerissenheit zwischen den beiden Klubs. Auf der nördlichen Seite der Westtribüne ist es komplett auf Club getrimmt, auf der südlichen auf Cercle.

Dass die Blau-Schwarzen aber dennoch die Nase vorne haben, zeigt sich daran, dass der Club-Fanshop selbst am Spieltag des Stadtrivalen offen hat und bei Weitem besser ausgestattet ist als das erst kurz vor Spielbeginn öffnende Cercle-Pendant. Auch die gleich neben dem Stadion befindliche Akademie und Scouting-Abteilung ist ungeachtet des Cercle-Spiels eifrig bei der Arbeit. Die Karten fürs Spiel bekomme ich erst knapp eine Stunde vor Beginn, weil die Kassen lange Zeit verwaist bleiben – ganz nach dem offenbaren Klubmotto der professionellen Schleißigkeit.

Es handelt sich hier um die bereits vorletzte Runde des Grunddurchgangs der belgischen Meisterschaft, bevor das – in meinen Augen wahnwitzige – Play-off startet. In diesem treten dann die ersten Sechs mit der Hälfte der bisher erspielten Punkte gegeneinander an, um die EC-Plätze und den Meister zu ermitteln. Zudem spielen die Klubs von Rang 7 bis 14 gegeneinander, wobei der Sieger dann gegen den Vierten des oberen Play-offs noch ein Endspiel um den letzten EC-Platz hat. Rang 15 und 16 spielen zuerst fünfmal gegeneinander, bis dann der Verlierer dieses Duells mit den ersten drei Klubs der zweiten Liga gegen den Abstieg bzw. um den Aufstieg spielt. „Spannung“ pur, könnte man also sagen.

Die Betonschüssel des Breydel kommt in vielen Aspekten sehr britisch rüber, vor allem auch durch die geziegelte Innenausstattung. Zwei Ränge ziehen sich durch das Stadion, dass an diesem Abend nicht annähernd voll wird – trotz großzügiger Gratiskartenaktion für Abonennten. Zu den 11.503 Zuschauern tragen auch rund 2.000 blau-weiße Gästefans bei, die über weite Strecken hier auch den Ton angeben. Während die Cercle-Fans vor allem durch noble Zurückhaltung (nur ganz selten machen sie mit „Come on Cercle [sprich: „Serkel“]“-Chants auf sich aufmerksam) auffallen, geht bei den „Buffalos“ die Post ab. Teils sehr kreative Gesänge, von denen ich aber die wenigsten verstehe bzw. zuordnen kann, sorgen immer wieder für Unterhaltung. Nochmals laut werden die Schwarz-Grünen übrigens nur, als bekannt wird, dass der Club den Ausgleich kassiert hat und als ein Treffer von Racing Genk die Genter aufgrund der schlechteren Tordifferenz wieder auf den undankbaren 7. Platz verdrängt.

Das Match selbst ist vor allem durch die Vielzahl der Tore ganz interessant. In der ersten Halbzeit hat Cercle de facto keine Chance, die Gäste gehen mit 2:0 in Front und schauen früh nach dem klaren Sieger aus. Durch das 1:2 in einer Druckphase der Gastgeber kommt noch etwas Spannung auf, die durch einen Doppelschlag der Genter aber vernichtet wird.

Nun zum gemütlichen Spaziergang: Nachdem „Herr Gscheit“ natürlich auf die großzügig vor dem Stadion bereitgestellten Shuttlebusse gepfiffen hat und stattdessen die nahegelegene Busstation ansteuern musste, nur um dort festzustellen, dass der Öffi-Verkehr um 20 Uhr seine Dienste einstellt, blieb nichts anderes übrig, als die rund 3,5 km zurück ins Hotel zu Fuß zurückzulegen. Wien bei Nacht ist jedenfalls weit lebendiger als belgische Städte bzw. zumindest Brugge. Die Jalousien der zweistöckigen Häuser alle ratzeputz zu, fast kein Lokal offen, keine Menschen auf der Straße. Wäre nicht der Auto- und Radverkehr gewesen, wäre das ganze noch viel mehr spooky gewesen als eh schon. „Fucking Bruges“ kann ganz schön Angst machen – auch wenn es manche wohl als „romantisch“ beschreiben würden.

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