Club Jorge Wilstermann – CR Vasco da Gama 4:0 (2:3 i.E.)

Estadio Olimpico Patria, ca. 5.000 Zuschauer

Eigentlich war Sucre nur als fußballloser Zwischenstopp geplant, in der es vor allem um ein Wiedersehen mit Roger, einem in Ushuaia getroffenen Schweizer, ging. Doch am Ankunftstag fand ich heraus, dass noch ein weiteres Highlight hier auf mich warten würde: Ein Qualifikationsspiel für die Copa Libertadores, also dem Äquivalent zur europäischen Champions League.

Die Hauptstadt Boliviens gilt als eine der schönsten Städte Südamerikas, und das bisher Gesehene bestätigt dies durchaus auch. Das weiße Stadtzentrum im Kolonialstil erinnert an Arequipa und ist ebenso zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben worden. Sucre liegt deutlich niedriger als La Paz und ist flacher angelegt, was das Erkunden bedeutend erleichtert. Eben aus diesem Grund wurde es ursprünglich auch von den Spaniern unter dem Namen La Plata gegründet, um das nahe silberreiche Potosi auf 4.000 Höhenmetern zu verwalten. Laut Verfassung ist es seit der Unabhängigkeit Hauptstadt des Landes.

Am Spieltag steht die Innenstadt still, weil Gegner von Präsident Evo Morales wegen dessen Ansinnen, seine Amtszeit noch weiter zu verlängern, zu einem Streik aufgerufen haben. Dieser wird offenbar vor allem von Ladenbesitzern und eher Reicheren unterstützt, wie Roger und ich am Vortag in einer Wäscherei erfahren. Denn diese und auch viele andere Läden haben „auf Anordnung des Chefs“ einfach zu. Die errichteten Straßenblockaden sind dann auch nur mit wenigen, wenn auch lautstarken Streikposten („No es No! Bolivia dijo No!“ – also Nein zu einer weiteren Amtszeit 2020-25) besetzt. Am Nachmittag zieht eine weitaus größere Pro-Morales-Demonstration an den noch auf dem Hauptplatz ausharrenden Gegnern mit den hier obligatorisch abgefeuerten Knallkörpern vorbei.

Jorge Wilstermann, ursprünglich von Arbeitern einer Fluggesellschaft gegründet und dann zu Ehren des ersten bolivianischen Berufspiloten umbenannt, spielt eigentlich in Cochabamba, trägt aber die Spiele der Copa Libertadores hier aus. Um fernab der Heimat das Zuschaueraufkommen zu erhöhen, könnten mit einer Eintrittskarte auch zwei Personen das Match besuchen (in meiner Kategorie dann zum Preis von nicht einmal 8 Euro). Leider bin ich zu diesem Zeitpunkt allerdings schon wieder alleine unterwegs.

Das Estadio Patria liegt zu Fuß nur rund eine halbe Stunde außerhalb des Zentrums an einer der Ausfallstraßen. Die wellenförmig angelegten Haupttribünen sind schon durchaus nett anzuschauen, die breite Laufbahn ums Spielfeld stört aber freilich. Den Eingang passiere ich völlig ohne Taschenkontrolle, weil die Polizisten gerade der Ansprache ihres Vorgesetzten lauschen. In Bolivien ein ziemlich wichtiger Akt, wie ich auch schon bei anderen Gelegenheiten feststellen durfte.

Die bolivianische Höhenluft lockt dann zwar nicht die Zuschauer in Massen an, sorgt aber bei Wilstermann für den wohl erhofften Heimvorteil nach dem 0:4 im Hinspiel. Bereits nach 16 Minuten steht es 3:0 für die Gastgeber, ein weiteres Tor liegt in der Luft. Die Brasilianer erfangen sich dann aber wieder etwas und retten den für sie noch vorteilhaften Zwischenstand in die Pause. Das 4:0 fällt allerdings dann doch noch Mitte der zweiten Halbzeit, wenig später wird zudem ein Brasilianer nach Unsportlichkeit ausgeschlossen. Die Überzahl kann Wilstermann allerdings nicht nutzen.

Bis auf das Finale gibt es bei der Copa Libertadores keine Verlängerung, daher fällt die Entscheidung sofort im Elfmeterschießen. Dies ist ebenso dramatisch wie das Spiel selbst, mit drei vergebenen Penalties scheitert Wilstermann letztlich. Danach verlassen die Zuschauer fluchtartig das Stadion, nur die rund 20 Vasco-Fans feiern einen wohl nicht mehr für möglich gehaltenen Aufstieg in den Hauptbewerb.

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