Stadion Poljud, 24.272 Zuschauer
Als Ex-Ministerin Christine Aschbacher in ihrer Dissertation schrieb: „Annahmen sind wie Seepocken an der Seite eines Bootes; sie verlangsamen uns“, dachte sie dabei wohl nicht an Hajduk Split. Dennoch zeigt auch Dalmatiens Vorzeigeklub Anzeichen von Verlangsamung, seit die Annahme eines Meistertitels in erreichbare Nähe rückt. Aber immerhin bestehen noch Chancen, dass Hajduk die lästigen Seepocken rechtzeitig abstoßen kann.
Die wechselhafte Geschichte von Split materialisiert sich in der dicht bebauten Altstadt. Im 4. oder 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung als griechische Kolonie gegründet (Spalathos), übernahmen sie später die Römer. Die Überreste des Diokletianpalastes geben noch heute ein eindrückliches Zeugnis davon ab, sie umspannen und ziehen sich durch den gesamten Zentrumsbereich.
Als Awaren und Slawen im 7. Jahrhundert das nahe Solin/Salona überrannten, flohen viele Einwohner:innen in den damals nur mehr als Militärposten genutzten Palast und gründeten die Stadt quasi neu. Danach wechselte die Herrschaft im Lauf der Zeit oft: Kroaten, Byzantiner, Venedig, Neapel, die Osmanen hielten Split alle mehr oder weniger lang, bis die Stadt 1797 Teil der Habsburgermonarchie wurde und dort bis 1918 verblieb. Heute ist Split eine wichtige Hafenstadt an der Adria und eines der vielen Aushängeschilder von Kroatiens Tourismuswirtschaft.

















Hajduk Split wurde 1911 im Prager Lokal „U Fleku“ von vier Studenten gegründet. Namensgeber wiederum war ihr Uni-Professor, den sie um Rat fragten, weil ihnen kein passender eingefallen war. Hajduk bezieht sich dabei auf die Heiducken, die zur Zeit der osmanischen Herrschaft als Gesetzlose ihr Dasein fristeten und durch Überfälle ihr Leben bestritten. Im Nachhinein wurden sie – ähnlich wie Piraten und Kosaken – als frühe Freiheitskämpfer romantisiert und verklärt.
Mit neun Meistertiteln und Cupsiegen ist Hajduk der erfolgreichste kroatische Verein im ehemaligen Jugoslawien – und bezieht vor allem auch daraus seine bis heute anhaltende riesige Popularität (9 Meistertitel und 8 Cupsiege kommen dann noch im unabhängigen Kroatien dazu). Nicht ganz umsonst war damals in der südlichsten Stadt der Welt bei einem U15-Spiel der einzige Zuschauer außer mir ein kroatischer Argentinier und „natürlich“ Hajduk-Fan. Die Gruppierung „Torcida“, bereits 1950 gegründet, gilt als älteste Fanvereinigung Europas.
Heuer können die Anhänger:innen mal wieder von einer Eroberung des Meistertellers träumen, es wäre der erste seit 20 Jahren. Acht Runden vor Schluss ist man immerhin weiter nah an Rijeka, gegen die das „adriatische Derby“ ausgetragen wird, dran. Noch vor Anpfiff legen die Rivalen trotz langem Spiel in Unterzahl aber mit einem Sieg in letzter Minute vor und setzen Hajduk dadurch unter Druck.
Ob es daran liegt, dass das Match heute an den Gastgebern eher vorbeiläuft, wird wohl nicht mehr zu klären sein. Jedenfalls spielt Split nicht gerade wie jemand, der heuer unbedingt Meister werden will. Wenig Ideen, träger und langsamer Fußball – und den Gästen aus Zagreb eigentlich immer einen Schritt hinterher. Erschwerend hinzu kommt dann auch noch, dass der in Wien geborene Hajduk-Torhüter Ivan Lucic nach einem Handeinsatz außerhalb des Strafraums die Rote Karte sieht. Und das, nachdem Lokomotiva bereits in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit mit 1:0 in Führung gegangen war.
Doch Split verhindert die totale Katastrophe und macht es seinen Rivalen nach: In der achten Minute der Nachspielzeit fällt durch einen verzweifelt nach vorne getragenen letzten Angriff doch noch der Ausgleich. Spätestens zu diesem Zeitpunkt bebt das Poljud dann wirklich, nachdem bereits zuvor durchgehend gute Stimmung geherrscht hatte. Die Träume vom 19. Meistertitel sind damit weiterhin am Leben, auch wenn das Team dafür wohl noch bessere Leistungen als heute zeigen muss.



















