BFC Dynamo – Greifswalder FC 1:4

Sportforum Hohenschönhausen, 2.017 Zuschauer

Die vier tschechischen Jungs, die sich das Sitzplatzabteil bis Berlin mit mir teilen, haben es eindeutig auf Spaß abgesehen. Spätestens, als der Vierte im Bunde in Brünn zu ihnen stößt, geht so richtig die Party ab. Dann sind endlich alle Biere geleert und der Cocktail-Mixer wird hervorgeholt. Auch eher selten in einem Nachtzug gesehen. Aber immerhin sind sie sehr respektvolle und rücksichtsvolle Säufer: Nicht nur bieten sie mir äußerst höflich an, ebenfalls in die Runde einzusteigen. Und als ich mich doch lieber fürs Schlafen entscheide, führen sie ihre Unterhaltungen zwar intensiv (und bis spät in den Morgen), aber durchaus in verträglicher Lautstärke weiter. Ruhiger, man könnte auch verkatert sagen, sind sie dann in der Früh bei der Ankunft in der deutschen Hauptstadt.

Passend zum historischen Hintergrund des heutigen Heimvereins geht es quasi direkt nach dem Eintreffen weiter in die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Hierbei handelt es sich um die ehemalige, zentrale Untersuchungshaftanstalt der DDR und deren Ministerium für Staatssicherheit (Stasi). Das Zwischengefängnis ging aus einem Internierungslager der Sowjetunion nach 1945 hervor und war bis 1989 in einem militärischen Sperrgebiet (am ersten Foto die weiß hervorgehobene Fläche) angesiedelt, das auf keinem Stadtplan eingezeichnet war. Bis zur Wende waren hier zusammengerechnet rund 10.000 Menschen für jeweils mehrere Monate inhaftiert, um ihnen Geständnisse abzupressen.

Durch die Anlage führen Zeitzeug:innen – in meinem Fall etwa ein Herr, der zwar nicht hier aber in einer ähnlichen Einrichtung in Potsdam eingesessen ist. Zudem informiert eine kostenlose Dauerausstellung auch über das grundlegende System der Stasi-Gefängnisse. Obwohl man während des Rundgangs auch durch die Verhörzimmer und die unterschiedlichen Zellentrakte kommt, wird darum gebeten, Fotos von diesen Bereichen nicht zu veröffentlichen. Daher sind hier nur Aufnahmen des Außenbereichs zu finden. Aus meiner Sicht ist ein Besuch für Geschichtsinteressierte jedenfalls sehr zu empfehlen, auch wenn die hier nicht gezeigten Teile durchaus bedrückend sind.

Über eine besonders gute Nachrede verfügt der Rekordmeister der DDR nicht: Mit seinem offiziellen Gründungsdatum 1966 geht er eigentlich auf die seit 1949 bestehende SG Volkspolizei Berlin zurück. Durch die spätere massive Unterstützung von Stasi-Chef und Ober-Fan Erich Mielke (der übrigens ironischerweise letzter Insasse in der Haftanstalt Hohenschönhausen war) wurde der Erfolg überhaupt erst möglich, und man kann ihn durchaus als erkauft bezeichnen. Vor allem durch das gezielte Zuführen von Spitzenspielern konnte der Berliner FC Dynamo von 1979 bis 1988 durchgängig die Meisterschaft gewinnen.

Zwar spielte der Vorgängerverein von BFC Dynamo seit den 1950er-Jahren traditionell im Sportforum Hohenschönhausen und damit auch in unmittelbarer Nähe eines der absoluten Machtzentren der Stasi, neun der zehn Meistertitel wurden allerdings nicht hier, sondern im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark geholt. Grund dafür war die dort besser ausgestattete Flutlichtanlage, die etwa auch Europacup-Auftritte ermöglichte.

Hatte sich der Verein bereits vor der Wende nicht gerade in die Herzen anderer Anhänger:innen als der eigenen gespielt, so wurde das danach sogar noch um einiges schlimmer. Nicht nur war BFC lange für seine besonders gewaltbereite Szene bekannt, in den frühen 90er-Jahren noch dazu auch für seine großteils offen rechtsradikale. So wurden zum Beispiel im Stadion auch immer wieder Sprüche von Hunderten bis Tausenden skandiert, wie sie zuletzt in Videos von Kids der Superreichen auf Sylt zu hören waren. Sowohl Verein wie auch Teile der Fanszene arbeiten mittlerweile aber seit Jahren durchaus intensiv gegen diese Tendenzen.

Die Wetterbedingungen am Abend sind durchwegs als schlecht zu bezeichnen. Es regnet sich zusehends ein, mit Ankick gießt es aus vollen Eimern. Dies macht nicht nur das Zusehen unangenehm sondern durchaus auch das Fotografieren. Und auch die Hausherren scheinen ihre liebe Not mit den Bedingungen zu haben. Einem eher glücklichen Führungstreffer folgen bis zum Schlusspfiff vier Tore der Gäste als kalte Dusche.

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