FC Hertha Zehlendorf – FSV Luckenwalde 4:1

Ernst-Reuter-Sportfeld, 410 Zuschauer

Wie schon die Linzer Band „Tonfabrik“ in einem ihrer, meiner Meinung nach besten und schönsten, Lieder singt: Nazis haben Angst vor bunter Vielfalt. Welch geradezu wahnhafte Züge das annehmen konnte, durfte ich bei einem lehrreichen Spaziergang zu meinem samstäglichen Spiel erfahren.

Ab 1926 wurde am Rande des Grunewaldes von einer gewerkschaftlichen Wohnungsgenossenschaft eine größere Siedlung errichtet, die sowohl modernen Ansprüchen entsprechen als auch leistbaren Wohnraum zur Verfügung stellen sollte. Ausgewählt wurde dafür ein Gebiet rund um die U-Bahn-Station „Onkel Toms Hütte“, die wiederum ihren Namen von einem hier ab 1885 stehenden Ausflugslokal bekam, das sich damit auf den berühmten Anti-Sklaverei-Roman von Harriet Beecher Stowe bezog.

Die Siedlung provozierte jedenfalls auf mehreren Ebenen: Einerseits waren einige in Sorge, dass jetzt auch Menschen in diesen Stadtteil ziehen könnten, die nicht dem Zehlendorfer Groß- und Bildungsbürgertum entstammten. Andererseits erregte auch die Bauweise besorgte Gemüter, was unter anderem zum absurd anmutenden „Dächerkrieg“ führte. Dabei handelt es sich um einen klassischen rechten Kulturkampf, wie er uns auch heute begegnet. Flache Dächer wurden als „fremdartig“ bezeichnet und eher dem Kulturraum Arabiens und Palästinas zugeschrieben. Das gute deutsche Dach musste spitz zulaufend sein. Derartige Bauten wurden hier übrigens dennoch auch errichtet und an besserverdienende Angestellte vermietet.

Mit der Machtübernahme der Nazis wurde die Siedlung dann auch noch aufgrund der Orientierung gebenden auffälligen Farbgestaltung der Häuser als „Papageiensiedlung“ diffamiert und vor allem Architekt Bruno Taut der verfemten „entarteten Kunst“ zugerechnet. Es gibt eben auch historische Gründe, Nazis zu hassen und Bands wie Tonfabrik zu lieben.

Die „kleine Hertha“ aus Zehlendorf wurde ursprünglich 1903 als FC Germania gegründet. Ihre große Zeit erlebte sie Ende der 1960er-Jahre, als sie sich zweimal zum Meister der Regionalliga Berlin krönte. 1979 scheiterte der Verein extrem knapp am Aufstieg in die zweite Bundesliga. Nach einer langen Durststrecke gelang 2024 erstmals seit mehr als einem Vierteljahrhundert wieder die Rückkehr in die viertklassige Regionalliga Nordost. Seit 2023 kooperiert der Klub zudem vor allem im Bereich des Frauenfußballs auch offiziell mit der alten Dame Hertha BSC.

Das Match heute ist relativ schnell erzählt: Bei anfangs kalten und bewölkten Bedingungen entwickelt sich ein durchaus rasantes und technisch hochwertiges Spiel. In der ersten Hälfte kann sich die Heimmannschaft zwei Mal erfolgreich vor dem gegnerischen Tor durchsetzen. Der Anschlusstreffer nach der Pause hilft den Gästen nur kurz, denn ein Elfer bringt Hertha wieder auf die Siegerstrasse. Mit ihrem eindeutigen Chancenplus setzen sie dann auch noch eines drauf und gewinnen am Ende klar und deutlich.

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